Märchen, Macht und Männlichkeit: Klasse 8 auf Erkundungstour im Kunstmuseum

Was bedeutet es eigentlich, in der heutigen Zeit ein „Mann“ zu sein? Sind Vorstellungen von Männlichkeit rein biologisch vorgegeben oder vielmehr das Produkt gesellschaftlicher Erwartungen, traditioneller Rollenbilder und moderner Social-Media-Kanäle?

Mit diesen hochaktuellen Fragestellungen setzte sich eine unserer 8. Klassen am Freitag, den 26.06.2026, in Begleitung von Frau Achim und Frau Kobiela intensiv auseinander. Ziel der Exkursion war das Kunstmuseum, wo die Schülerinnen und Schüler an einem maßgeschneiderten Workshop mit anschließender Führung teilnahmen. Das Projekt fand in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg statt.

1. Wo stehen wir? | Die Positionslinie

Der Workshop begann interaktiv mit einer sogenannten „Positionslinie“. Die Jugendlichen mussten sich im Raum zu provokanten Thesen aufstellen und so ihre Zustimmung oder Ablehnung signalisieren. Dabei zeigte sich schnell, dass unsere Achtklässler starre Rollenbilder vehement hinterfragen:

  • Die These „Ein Mann muss stark sein“ stieß auf breite Ablehnung – der Tenor der Klasse war eindeutig: „Jeder ist wie er ist, man sollte niemanden aufgrund seines Geschlechts verurteilen.“
  • Differenzierter wurde es bei der Frage: „Zeigen Männer in deinem Umfeld Gefühle?“ Hier war das Meinungsbild durchwachsen. Während Ärger, Stolz oder Freude (z. B. bei guten Noten) offen gezeigt werden, wird Trauer bei Männern im Alltag deutlich seltener wahrgenommen.
  • Auch bei den Thesen, ob Männer ihre Probleme alleine lösen müssten oder ob Männer Nachteile durch die Gleichstellung der Frau erfuhren (im Hinblick auf Wissenschaft, Verdienst und Kompetenz), tendierte die Mehrheit der Klasse zur Mitte oder zur klaren Ablehnung.

2. Biologie vs. Gesellschaft | Wenn Gefühle ein Geschlecht bekommen

Im zweiten Teil des Workshops erarbeiteten die Jugendlichen die essenzielle Unterscheidung zwischen dem biologischen Geschlecht (Sex) und dem sozialen Geschlecht (Gender). Gemeinsam wurde der Konstruktionscharakter von Männlichkeit entschlüsselt: Wie viel Deutungs- und Bedeutungsmacht besitzt unsere Gesellschaft eigentlich und welche Folgen hat dies für das Individuum? Besonders spannend war die Reflexion über „erlernte Gefühle“. Die Schülerinnen und Schüler stellten fest, dass bestimmte Emotionen gesellschaftlich oft stereotyp einem Geschlecht zugeschrieben werden – wie beispielsweise Wut und Aggression bei Männern gegenüber dem Begriff der „Zickerei“ bei Frauen.

3. Literarischer Brückenschlag | Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“

Als inhaltliche Basis diente das berühmte Märchen „Das kalte Herz“. Die Schülerinnen und Schüler überprüften die Kernmotive (Herz/Empathie vs. Reichtum/Erfolg) auf ihre heutige Aktualität. Anhand von Originalzitaten entstanden lebhafte Diskussionen:

  • „Wenn ich so reich wäre wie der dicke Ezechiel, dann wäre ich auch ein angesehener Mann.“ – Die Klasse stellte fest: Früher galt dies zwar noch rigoroser, aber auch heute ist der finanzielle Status eng mit gesellschaftlichem Ansehen verknüpft – und das mittlerweile bei beiden Geschlechtern, wenngleich in manchen Köpfen noch immer das Bild verankert ist, der Mann müsse „alles bezahlen“.
  • „[…] und dachte nur noch an sich selbst.“ – Erfolgreich ist, wer keine Gefühle zeigt. Ist das heute auch noch so? Hierzu wurde kritisch hinterfragt, ob Gefühlskälte und reiner Egoismus in unserer Leistungsgesellschaft immer noch als Bedingungen für wirtschaftlichen Erfolg angesehen werden.
  • „Er hörte nicht mehr auf die Bitten seiner Frau und blieb hart und unbeweglich.“ – Dieses Zitat schlug die direkte Brücke auch zur modernen Arbeitswelt und zeigte, dass das Thema hochaktuell bleibt: Die Referentin des Workshops berichtete anschaulich aus der Praxis, dass beispielsweise eine Bekannte bei BMW in geschäftlichen Verhandlungen extrem „hart“ und unnachgiebig auftreten müsse, um auf Führungsebene Deals erfolgreich durchzuziehen. Die geforderte Härte und Unbeweglichkeit ist im Berufsleben also keineswegs ein reines Relikt der Vergangenheit.

4. Die Erkundungstour | Spannungsfelder der Männlichkeit in der Kunst

Nach einer kurzen Pause ging es in eine von den Schülerinnen und Schülern zunächst selbstständig gestaltete Erkundungstour durch die Ausstellungsräume. Die Jugendlichen suchten nach Bildern und Objekten, die sie verwirrten, spannend fanden oder die mit Männlichkeit zu tun hatten. Daraus entwickelte sich eine geführte Diskussion direkt vor den Kunstwerken:

  • Friedrich von Keller – „Arbeiter im Steinbruch“ (1910): Hier begegnete der Klasse das traditionelle Ideal der Männlichkeit: Muskelkraft, harte körperliche Arbeit und Leistung. Die Jugendlichen diskutierten, inwieweit diese Darstellung in unserer modernen, digitalisierten Berufswelt überhaupt noch als Ideal taugt.
  • Kader Attia – „Culture, Another Nature Repaired“ (2014): Diese eindrucksvollen Büsten aus Teakholz konfrontierten die Klasse mit den Themen Kriegstrauma (1. Weltkrieg), Kolonialismus und dem kollektiven Schweigen über Trauer. Im Gegensatz zum westlichen Konzept, das Verletzungen unsichtbar machen will, bleiben die Wunden hier durch grobe Klammern und Nähte sichtbar. Das bewusste Aufbrechen der „harten Schale“ regte die Jugendlichen zum Nachdenken darüber an, was es mit einem selbst macht, wenn Gefühle dauerhaft verdrängt werden und wie heilsam es manchmal sein kann, Verletzlichkeit offen zu zeigen.
  • Rasmus Myrup – Zeitgenössische Skulpturen (2024): Während Kader Attia mit seinen Skulpturen die „harten Schalen“ bewusst aufbricht und den Betrachter mit dem traumatisierten und verletzten Kern konfrontiert, schaffte das Holzherz „Protected but Penetrable“, eine zeitgenössische Skulptur des dänischen Künstlers Rasmus Myrup aus dem Jahr 2024, wieder Distanz und griff die zuvor diskutierten Fragen zu Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ erneut und in veränderter Form auf: Handelt es sich bei dem Aluminium um das hölzerne Herz um eine schützende Rüstung? Die Jugendlichen stellten fest: Es ist keine echte Ritterrüstung, das Herz bleibt verletzlich. Die Verbindung aus rauem Holz und kaltem Metall symbolisiert vielmehr das Prinzip „Harte Schale, weicher Kern“ – eine Barriere, die zwar Schutz bietet, aber durchlässig bleibt. 
  • Rasmus Myrup – „Armor Stand“ (2024): Noch provokanter wurde es bei diesem Werk, das die Form eines stummen Dieners (Kleiderständers) nutzt, um über das An- und Ablegen von Rüstungen – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne – nachzudenken. Doch was wird hier geschützt? Der Unterleib oder gar die männliche Identität? Was ist ein Mann? Reduziert diese Skulptur den Mann nicht auf sein Geschlechtsorgan? Ist man nur ein Mann, wenn man etwas hat, das die Hose ausfüllt? Auf was reduzieren sich Männer im Alltag gegenseitig? 

Deutlich wurde hierbei auch der historische Wandel: In der Antike galt ein kleines Genital als Zeichen hoher Kultur und feinen Ansehens – heute ist das kollektive Bild oft umgekehrt. Wie stark eine Gesellschaft vorschreibt, was „männlich“ ist und was nicht, war eine der eindrücklichsten Erkenntnisse für die Klasse. 

Auch im Sport spiegelt sich diese gesellschaftliche Priorisierung wider, wie die Referentin bemerkte: So wurde beispielsweise im Eishockey historisch der Unterleibsschutz (um 1874/1880) lange vor dem medizinisch viel zentraleren Kopfschutz eingeführt (in der NHL beispielsweise erst 1979) – ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Prioritäten maskuliner Identität!

Den Abschluss bildete Myrups Serie „Exposed Hole“, die sich anhand von Formen, die an Augen, Mund oder Schließmuskeln angelehnt sind, mit menschlicher Intimität auseinandersetzt und zeigt, dass wir uns selbst in Momenten maximaler Abschirmung unweigerlich entblößen.

5. Medienreflexion | Alpha-Males, Body-Shaming und das Netz

Zum Abschluss des Tages wurde der Blick auf die direkte Lebenswelt der Jugendlichen gelenkt: die sozialen Medien. Hier analysierte die Klasse, wie manipulativ Männerbilder digital geformt werden. Zwar gibt es Content, der zeigt, dass Männer Gefühle haben – dieser wird jedoch auf Plattformen wie TikTok oft durch Untertitel oder ironische Kommentare subtil lächerlich gemacht.

Die Klasse diskutierte zudem über Bodyshaming („Wer dick ist, ist kein richtiger Mann“) und das besorgniserregende Auseinanderdriften der Gesellschaft durch extrem kontrastierende Rollenbilder: Auf der einen Seite populistische Figuren wie Donald Trump, reaktionäre Trends wie das Konzept der „TradWife“ oder extreme Online-Strömungen wie „Incels“ (Männer, die sich isolieren und unfähig sind, gesund mit Frauen zu kommunizieren) und toxische „Alpha-Male“-Kanäle – auf der anderen Seite eine moderne, aufgeklärte Generation, die Vielfalt schätzt.

Fazit

Die Exkursion hat eindrucksvoll bewiesen, dass Kunst und Literatur hervorragende Medien sind, um vermeintlich feststehende gesellschaftliche Begriffe aufzubrechen. Unsere Achtklässler kehrten mit geschärftem Blick, vielen neuen Denkanstößen und einer gestärkten eigenen Position zur Frage „Was macht mich als Mensch aus?“ nach Hause zurück.

Ko /Ahi