Was bedeutet es, seine Heimat zu verlassen und sich an einem neuen Ort ein Leben aufzubauen? Wie prägt die eigene Herkunft die Identität? Und wieso stellt Herkunft selbst in unserer aufgeklärten Gesellschaft bis heute oft ein Problem dar?
Mit diesen hochaktuellen Fragestellungen setzten sich die Ethik-Klassen der Jahrgangsstufe 9 bei einer Exkursion in die Staatsgalerie Stuttgart auseinander. Im Zentrum des Besuchs stand der Workshop „#5 Away from home – Migration, Exil und Identität im Spiegel der Kunst“. Ziel war es, die im Unterricht behandelten Themen wie Gewalt, Empathie, Identitätsfindung und gesellschaftliche Verantwortung anhand von Kunstwerken zu reflektieren und die Perspektiven auf unterschiedliche historische Entwicklungen wie auch Lebenswege zu schärfen.
Eine Reflexionsreise durch die Epochen
Die kunsthistorische und philosophische Reise spannte einen weiten Bogen von der späten Barock- bis zur Gegenwartskunst und schlug dabei immer wieder die Brücke zur aktuellen gesellschaftlichen Brisanz.
1. Station: Flucht oder Freiwilligkeit
Die Reise begann vor dem spätbarocken Gemälde „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ (um 1762/1770) von Giovanni Battista Tiepolo. Hier wurden die Begriffe „Migration“ und „Exil“ grundlegend erkundet. Der Klasse wurde schnell deutlich: Migration erfolgt nicht immer durch Zwang – wie im Fall von Maria und Joseph, die vor dem Tyrannen Herodes fliehen mussten. Migration geschieht oftmals auch freiwillig, getrieben von der Lust am Lernen, dem Entdecken neuer Sprachen, Länder und Kulturen. Dennoch werfen beide Phänomene dieselbe Frage auf: Wie geht man mit den daraus resultierenden Identitätskrisen in und manchmal auch zwischen pluralen Welten um?
2. Station: Das konstruierte Ich – Porträt vs. Selfie?
Beim anschließenden Blick auf das Porträt von Carlo Albani (Gemälde von Pier Leone Ghezzi, 1674-1755) galt es Parallelen zur eigenen Lebenswelt und den Selfies in den Social Media zu ziehen. Die zentrale Erkenntnis: Identität ist immer auch konstruiert – oft ganz bewusst. Wie sollen andere mich sehen? Reich? Mächtig? Zeigen sich Krisen im Porträt und stimmen Schein und Sein überhaupt zu 100 % überein?
3. Station: Identität und Klischees
Die Fehl- oder nur fragmentarisch wahren Wahrnehmungen und Urteile über die Identität der Menschen, insbesondere derer, die in und manchmal zwischen verschiedenen Welten, Sprachen und Kulturen leben, bildet die Grundlage der Künstlerin Anys Reiman.
Besonders intensiv diskutierten wir die zeitgenössische Collage „Odaliske/Odakisque“ (2022) der Künstlerin Anys Reiman, die autobiographische Elemente enthält. Das Werk verhandelt inhaltlich und formal die hybride Vielschichtigkeit menschlicher und weiblicher Identität und bricht radikal mit Vorurteilen. Durch das Zusammensetzen verschiedener Hautfarben und Proportionen erschafft sie eine universelle, dynamische Identität einer Person of Color, die sich bewussten Zuschreibungen und kolonialen Blickrechten entzieht. Wie wir erfahren haben, inszeniert sich Reimann, Tochter einer deutschen Mutter und eines westafrikanischen Vaters, durch die Fragmente verschiedener Porträtaufnahmen ihrer selbst hier bewusst als hybride Künstlerin aus dem Ruhrgebiet (Duisburg, *1965) und bricht damit u.a. das teilweise kursierende rassistische Fehlurteil auf, sie habe keine europäische Herkunft.
Das Bild wirft die „Schubladen unseres Geistes“ komplett durcheinander und forderte uns heraus, auch den Blick auf den nackten Frauenkörper zu hinterfragen: Sieht man hier eine Venus, eine selbstbewusste Frau, die ihren Körper inszeniert, oder – wie es der Titel Odaliske (historisch eine Dienerin oder Haremskonkubine im Osmanischen Reich) nahelegt – ein extrem klischeebehaftetes kunsthistorisches Motiv der idealisierten, passiven Weiblichkeit oder gar ein „leichtes Mädchen“? All diese Fragen, die die Collage und die Künstlerin aufwirft, verbindet die Suche nach Identität und vielleicht auch Akzeptanz; auf psychischer, sozialer, kultureller und geschlechtsspezifischer Ebene.
4. Station: Der Zerfall der Identität und Exilkunst
Weiter ging es zurück in die Epoche des Expressionismus und der Exilkunst der 1930er Jahre: Hier lernten die Schülerinnen und Schüler, wie der Zerfall einer sicheren Identität durch Krieg und Industrialisierung zunahm und sich in verzerrten Formen und Todesmetaphorik widerspiegelte.
Besonders eindrücklich veranschaulichte Max Beckmanns Meisterwerk „Reise auf dem Fisch“ das Leben im Exil. Das Bild zeigt, wie nah Grund und Abgrund im Exil beieinanderstehen: Die Fische – eigentlich Symbole für Liebe und Hoffnung – wirken, als würden sie in den Abgrund stürzen und die an sie gebundenen Menschen mitreißen. Begleitet wird dies von einem Spiel der Maskeraden, das Identitäten manchmal verstecken oder gar verdrängen, sie aber auch facettenreicher und komplexer machen kann.
Fazit: Wider den einfachen Antworten
Da die Werke des Expressionismus von den Nationalsozialisten einst als „entartete Kunst“ klassifiziert, verbannt und vernichtet wurden, bildeten sie den perfekten Abschluss für den Workshop. Sie erinnerten uns eindringlich an das enorme Reflexions- und Widerstandspotential der Kunst und ihres Facettenreichtums. In einer Welt, die zunehmend kurze und einfache Antworten auf komplexe Fragen verlangt und damit Gefahr läuft, flache Klischees und „Schubladendenken“ zu fördern, setzt die Kunst ein wichtiges Zeichen: Sie fordert uns auf, uns den Herausforderungen der Vielfalt mitsamt ihrem Konfliktpotential mutig zu stellen.
Vom Betrachten zum Tun: Im anschließenden Praxisteil des Workshops durfte die Klasse schließlich selbst aktiv werden. Inspiriert von den Eindrücken entwickelten sie eigene kreative Arbeiten, in denen sie die Themen Heimat, Identität und Neuanfang gestalterisch miteinander verbanden.
Ein inspirierender Tag, der den Ethikunterricht auf eindrucksvolle Weise lebendig werden ließ!
Der Eintritt in die Dauerausstellung der Staatsgalerie ist für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 19 Jahre kostenlos!
