Ist das Kunst oder Demokratie?

Klasse 7 erforscht die „Soziale Plastik“ und die Geschichte der Werke von Joseph Beuys in der Staatsgalerie Stuttgart

Was hat ein goldener Friedenshase mit gesellschaftlichem Wandel zu tun? Und wieso ist eigentlich jeder Mensch ein Künstler? Mit diesen und vielen weiteren ethischen Fragestellungen beschäftigte sich die Klasse 7 im Rahmen einer Exkursion in die Staatsgalerie Stuttgart. Im Fokus des interaktiven Workshops standen die Rauminstallationen und Objekte von Joseph Beuys – verknüpft mit der fundamentalen Frage, wie wir aktiv unsere demokratische Gesellschaft mitgestalten können.

Kunst als Motor für gesellschaftliche Veränderung

Ein Museumsbesuch bedeutet längst nicht mehr nur, still vor alten Gemälden zu stehen. Für die Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse wurde die Staatsgalerie stattdessen zu einem lebendigen Diskussionsraum. Im Zentrum des Workshops stand Joseph Beuys’ berühmtes Zitat: »Jeder Mensch ist ein Künstler«.

Beuys meinte damit nicht, dass jeder perfekt malen oder bildhauern kann, sondern dass jeder Mensch die kreative Fähigkeit besitzt, sich einzubringen und die Gesellschaft aktiv weiterzuentwickeln. Er nannte dieses Konzept die „Soziale Plastik“ – die Gemeinschaft als ein Gesamtkunstwerk, das wir alle durch unser Handeln formen. Demokratie verstand er folglich nicht als starres, fertiges System, sondern als einen dynamischen Prozess, der von der kontinuierlichen Beteiligung und dem Engagement jedes Einzelnen lebt. Die Jugendlichen lernten bei diesem Ausflug, visuelle Strukturen historisch einzuordnen, Symbole zu entschlüsseln und eigene pointierte politische Statements zu formulieren.

Der Ablauf des Workshops: Eine Entdeckungsreise durch Kunst und Zeitgeschichte

  1. Einstieg vor der Beuys-Videowand („Beuys-Hut“, 1990): Zum Auftakt versammelte sich die Klasse vor der monumentalen Videowand. Diese Medieninstallation dokumentiert Beuys’ unermüdliche Präsenz in der Öffentlichkeit und zeigt ihn mit seinem charakteristischen Filzhut, den er seit den 1960er Jahren als persönliches Markenzeichen und „Schutzhelm“ trug. Die Installation regte sofort eine intensive Diskussion über die Rolle von Medien, Selbstdarstellung und Information in einer freien, demokratischen Gesellschaft an.
  2. „Das Gelenk“ im Letzten Raum (Dernier espace avec introspecteur, 1964–1982): In dieser beeindruckenden, über Jahrzehnte gereiften Rauminstallation setzte sich die Klasse intensiv mit dem „erweiterten Kunstbegriff“ auseinander. Auf den ersten Blick wirkt die Anordnung der rauen Materialien im Raum seltsam fremd – fast so, als handele es sich um liegengebliebenes Baumaterial. Prompt kam in der Klasse die Frage auf: Ist das Kunst oder kann das weg? Muss das hier vielleicht sogar weggeräumt werden? Doch genau durch diese Irritation wirft das Werk die fundamentale Frage auf, was Kunst überhaupt ist und wo ihre Grenzen liegen. An der rechten Seite der Installation entdeckten die Schülerinnen und Schüler zudem einen beschädigten Rückspiegel, hinter dem ein Foto platziert ist. Dieses Detail verweist auf den »introspecteur« bzw. auf den »anonymen Beobachter, der sich selbst reflektiert« (Beuys). Das Werk markiert insofern auch einen historischen Wendepunkt: Mit dem „Letzten Raum“ wollte der Künstler ganz bewusst einen „Strich unter meine sogenannten Raumplastiken“ ziehen. Für Beuys war es Zeit, die geschlossenen Museumsräume zu verlassen und nach draußen zu gehen, um „das Leben der Menschen zu regenerieren“.
  3. Krone, Friedenshase und die 7000 Eichen (ab 1982): Ein echtes Highlight war die Auseinandersetzung mit der Symbolik des Friedenshasen. Historischer Hintergrund ist die berühmte Aktion zur documenta 7 im Jahr 1982: Beuys ließ eine Replik der Zarenkrone einschmelzen, um daraus einen goldenen Friedenshasen zu gießen. Diese Verwandlung von einem Symbol der Macht und Unterdrückung in ein Symbol der Bewegung und Transformation begeisterte die Klasse. Kombiniert wurde dies mit Beuys‘ wegweisendem ökologischen Projekt „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ in Kassel. Dies schlug eine direkte Brücke zu aktuellen umweltethischen Fragen des Unterrichts: Wie gehen wir mit unserer Natur um und was bedeutet Generationengerechtigkeit?
  4. Filz als Energiespeicher und Beuys‘ Biografie: Hier tauchte die Klasse tiefer in die Lebensgeschichte des Künstlers ein, um seine Materialwahl historisch zu verstehen. Beuys verarbeitete in seinen Werken ein einschneidendes Erlebnis aus dem Zweiten Weltkrieg: Nach einem Flugzeugabsturz im Jahr 1944 auf der Halbinsel Krim wurde er – so seine eigene, mythologisch aufgeladene Erzählung – von tatarischen Nomaden gerettet. Sie sollen seinen schwer verletzten Körper mit Fett und Filz einbalsamiert haben, um ihn vor dem Kältetod zu bewahren. Filz wurde für Beuys ab den 1960er Jahren zum universellen Symbol für Schutz, Wärme, Isolation und spirituellen Energiespeicher – Qualitäten, die auch eine solidarische und demokratische Gesellschaft braucht, um Schwache zu schützen.
  5. Direkte Demokratie und Meinungsfreiheit vs. „Entartete Kunst“: Ein historisch wie ethisch sensibler Schwerpunkt. Beuys gründete 1971 die Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung. Die Klasse stellte diese demokratische Freiheit des Wortes und der Kunst der grausamen Unterdrückung im Nationalsozialismus gegenüber. Am Beispiel des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer (das 1922 in Stuttgart uraufgeführt und 1937 von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert wurde) diskutierten die Jugendlichen, wie wichtig Vielfalt, Toleranz und Pluralismus für ein friedliches Zusammenleben sind und warum die Verteidigung der Kunstfreiheit eine Daueraufgabe bleibt.
  6. Abschluss – Eigene kreative Auseinandersetzung: Zum Finale wurden die Schüler selbst aktiv. Im Geiste von Beuys’ prozesshafter Kunst, die den Museumsraum hinter sich lässt, wandelten sie die theoretischen und historischen Denkanstöße des Tages im Team in eigene gestalterische Ideen um. Sie bewiesen damit, dass auch in ihnen echte „soziale Künstler“ stecken.

Fazit: Werte, die bleiben

Dieser Vormittag in der Staatsgalerie Stuttgart hat gezeigt, dass der Ethikunterricht weit über das Klassenzimmer hinausreicht: Neben den politischen Kernwerten wie Demokratie, Vielfalt und Meinungsfreiheit konnten vor allem auch die umweltethischen Fragestellungen des Unterrichts lebendig vertieft werden. Die Klasse 7 kehrte mit viel Gesprächsstoff, einem geschärften geschichtlichen Bewusstsein und der wertvollen Erkenntnis an die Schule zurück: Unsere Gesellschaft ist gestaltbar – und wir alle tragen die Verantwortung dafür.

Ko