Am 19.03.2026 besuchte Herrn Riegers Deutsch-Basiskurs eine Vorstellung des Stückes „Vor dem Ruhestand“ im Staatstheater Stuttgart. In dem Werk von Thomas Bernhard, welches 1979 im Stuttgarter Staatstheater uraufgeführt wurde, geht es um die Familie Höller. Diese besteht aus Rudolf Höller, seines Zeichens angesehener Gerichtspräsident, und dessen beiden Schwestern Vera und Clara. Schnell wird klar: Hinter der bürgerlichen Fassade ist einiges faul im Hause Höller. Rudolf und Vera unterhalten ein inzestuöses Verhältnis, aus dem bereits drei Kinder hervorgegangen sind. Und ist das noch nicht verstörend genug, dann ist da auch noch der 7. Oktober, an dem die Familie jährlich in einem bizarren Ritual den Geburtstag Heinrich Himmlers feiert – einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust. Die Sozialistin Clara, welche im Rollstuhl sitzt, ist unfreiwillig abhängig von ihren beiden Geschwistern und muss den Feierlichkeiten angewidert beiwohnen – und wird dazu auf Geheiß des Herrn Gerichtspräsidenten kahlgeschoren und in die Kleidung eines KZ-Häftlings gesteckt.
Die aktualisierte Version des Stücks, die Regisseur Martin Kušej in Stuttgart auf die Bühne bringt, ist steril, klaustrophobisch, und explizit politisch.
Im ersten Teil wird durch langwierige, starre und sich oft im Kreis drehende Konversationen der Zustand der Familie Höller dargestellt – man ist gefangen in den immer gleichen Abläufen, immer gleichen Diskussionen. Die Figuren bewegen sich wenig, das Bühnenbild von Annette Murschetz besteht aus modernen, kalten, kurzum trostlosen Räumen. Trotz, oder gerade wegen dieses zähen ersten Teils ist die Zuspitzung der Situation dramatisch und endet (anders als im Original) im Tod der drei Hauptfiguren – Rudolf und Vera werden im Schlaf von den eigenen, noch jungen Kindern erschossen.
Die Szenen werden durch plötzliche “Blackouts” unterteilt, in welchen Phrasen (wie z.B. die Überschrift des Artikels) als weiße Schrift projiziert werden. Die Atmosphäre wird dadurch zunehmend düster und angespannt, kombiniert mit Clara in den Fängen ihrer fanatischen Geschwister, beinahe beklemmend.
Sowohl am Anfang als auch am Ende wird die AfD in einer Radiomeldung aus dem Off namentlich erwähnt. Zu Beginn wird auf eine anstehende Wahl verwiesen, am Ende des Stücks ist klar, dass die AfD die Wahl gewonnen hat: Weidel als Bundeskanzlerin, Höcke als Innenminister. Die tagespolitische Einordnung verleiht dem Stück eine beängstigende Aktualität. Diese Aktualität regt zum Nachdenken und Diskutieren an: wie sich Muster in der Geschichte wiederholen und wie man mit rechtsextremen Gedankengut umgehen kann.
Im Kurs stieß besonders die zweite Hälfte auf große Resonanz: Nach der von vielen als zu lang empfundenen ersten Hälfte hatte man „selten etwas so Spannendes gesehen“ wie das Ende des zweiten Teils. Der wortlose und entschlossene Mord der Kinder an ihren schlafenden Eltern wird zweifelsohne in Erinnerung bleiben.
Einen herzlichen Dank an das Stuttgarter Staatstheater für diesen eindrücklichen Theaterabend.
Florian Funk, KS1

